Von Horst-Walter Schwager
Quelle: usinger-anzeiger.deSCHMITTEN (sch). „Es ist eine menschliche Eigenschaft, über seine Grenzen hinausgehen zu wollen - das ist wie ein Gen, das nicht herausoperiert werden kann.“ Sportjournalist Anno Hecker (Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ) hielt im Schmittener Pfarrsaal einen Vortrag zum komplexen Thema Doping, der es in sich hatte. Sein besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Kinder- und Breitensport.
„Wir wollen auch lokale Experten zu unseren Veranstaltungen holen“, sagte Pfarrer Hanns-Jörg Meiller bei der Begrüßung des Gastes. Seit 20 Jahren beschäftigt sich der in Oberreifenberg wohnende Hecker mit Doping in allen möglichen Sportarten. In seinem temporeichen, mit zahllosen Fakten gespickten Vortrag breitete der eloquente Redner ein Sittengemälde nicht nur der Sportszene, sondern der ganzen bürgerlichen Gesellschaft aus. „Es gibt viel mehr Doping, als sie sich vorstellen können. Nicht nur der Spitzensport ist betroffen, sondern auch der Breitensport- und Jugendbereich und zwar in seiner ganzen Tiefe“, so Hecker einleitend. Er meinte, dass „der Kampf gegen Doping nicht gewonnen werden kann, sich aber trotzdem lohnt.“ Dieser scheinbare Widerspruch gab der Veranstaltung die Würze und führte auch zu zahlreichen Fragen der Zuhörer.
„Heuchlerische Ärzte“
Eine regelrechte „Schluckkultur“ gebe es eben nicht nur im Sport, sondern auch in Schule, Studium und Beruf. „So genannte verhaltensauffällige Kinder werden mit Ritalin ruhiggestellt, Berufsmusiker und Studenten in Prüfungssituationen nehmen Betablocker, Manager Amphetamine, um länger wach zu bleiben und durcharbeiten zu können.“ Viel Wert legte Hecker auf die Quellenlage, die manchmal und „besonders beim Doping Jugendlicher“ dürftig sei und war durchaus vorsichtig in seiner Argumentation, aber knallhart, wo er Fakten hatte. „Das Deutsche Ärzteblatt hat in einer Studie festgestellt, dass zwölf Prozent aller deutschen Schüler Medikamente erhalten, die nicht benötigt werden.“ Standeswidrig verhielten sich dabei die verschreibenden Ärzte, „denn einem Gesunden darf man keine Medikamente verabreichen.“ Eine andere Studie belege, dass 15 Prozent aller Besucher von Fitnessstudios (1000 Befragte) Muskelaufbaupräparate, sogenannte Anabolika, nehmen, also dopen. „Im Breitensport gibt ist kein Fernsehen, keine Presse, keinen Dopingkontrolleur!“ Während im Spitzensport involvierte Sportmediziner behaupteten, Athleten vor dem Schlimmsten zu bewahren, neigten Amateure, etwa bei Seniorenmeisterschaften, dazu, völlig unkontrolliert Dopingmittel zu schlucken, mitunter veraltete Substanzen mit großen Nebenwirkungen. „Aus Rußland, China bekommt man heutzutage per Internet alles und zwar sehr leicht.“ Aspirin erhielte man sogar rezeptfrei in jeder Apotheke und mit diesem Schmerzstiller seien 60 Prozent aller Teilnehmer des vergangenen Bonn-Marathons gedopt gewesen.
Äußerst detailliert legte Hecker am Beispiel des Spitzensports dar, dass nicht nur die ehemalige DDR „ein Staats-Doping hatte, sondern dass es auch in der Bundesrepublik eine bewusste oder unbewusste staatliche Unterstützung für Dopingnester gab. Im Osten war sogar die Stasi in das Doping involviert, welches die DDR laut Aktenlage gezielt in fast allen von ihr geförderten Sportarten ausprobierte. Die DDR hat nach 1967 Sportarten, in denen sie keine Chance hatte, Basketball etwa, nicht mehr gefördert“.
So legte er ein dank der „Gauck-Behörde“ veröffentlichtes internes Stasi-Schreiben aus dem „Zentralinstitut des Sportmedizinischen Dienstes“ von 1983 vor, in dem säuberlich die Dopingbefunde zahlreicher DDR-Fußballer aufgelistet sind. Darunter Falko Götz, späterer Trainer von Hertha BSC. Denn dieses Zentralinstitut, eigentlich eine Anti-Doping Behörde, sollte vor internationalen Wettkämpfen sicherstellen, dass die gedopten Athleten wieder clean waren, also im Urin nichts mehr nachweisbar war. „Und im Westen wandelte sich der Dopingfahnder Prof. Manfred Donike vom Saulus zum Paulus. Von Donike behauptete ein deutscher Olympiasieger von 1984, der später des Dopings überführt wurde, dass der Professor ihm Absetzzeitpunkte von Anabolika genannt habe, um einer positiven Kontrolle entgehen zu können. Übrigens enttarnte Donike Ben Johnson 1988.“
Heuchlerisch hätten sich auch Ärzte des deutschen Sportmediziner-Zentrums in Freiburg verhalten. Der verstorbene Joseph Keul, ein erklärter Doping-Gegner, war der deutsche Olympiaarzt, unter dessen Verantwortung mehrere seiner Mediziner Dopingmittel im Radsport einsetzten. Zwei organisierten das systematische Doping im Team Telekom.
Am dichtesten sei das Schweigekartell beim Dopingmissbrauch von Kindern. Laut Hecker gibt es nur einen einzigen Fall, in dem ein Betreuer dafür strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde: Nach einer Anzeige der 16-jährigen Leichtathletin Anne-Katrin Elbe 2006, die Dopingmittel von Trainer Thomas Springstein aufgehoben hatte, wurde dieser zu einer Bewährungssterafe verurteilt.
Strukturen aufdecken
Warum lohnt sich dennoch der Kampf gegen Doping? „Es wird auch immer Diebe geben und trotzdem tun Staat und Bürger etwas dagegen“, zog Hecker diesen Vergleich. Doping sei oft noch nicht einmal negativ besetzt, das zeige Fernsehwerbung wie „Doping für die Haare.“ Hier sei langfristig eine Veränderung der öffentlichen Meinung wichtig. Eine Freigabe von Doping mit dann angeblich wieder hergestellter Chancengleichheit kommt für ihn nicht in Frage: „Dann dürfte der Erwachsene dopen, der Jugendliche aber nicht?“ Es ginge ihm um Bewusstsein und Wachsamkeit, im Resultat um Prävention. „In vielen Sportarten bringen Kinder schon mit 15, 16 Jahren Höchstleistungen, so beim Schwimmen, Eiskunstlauf, Kunstturnen. Eine kritische Phase kann entstehen, wenn diese Kinder, wie im Spitzensport üblich, kaserniert werden und ein blindes Vertrauen zu ihren Trainern entwickeln, die bereit sind, für den Erfolg alles zu tun. Wie Springstein und andere in dieser Republik.“
Dieses Vertrauen, der Ehrgeiz weiterzukommen, aber auch hoher Gruppendruck geschlossener Gemeinschaften bildeten eine verhängnisvolle Gemengelage und begünstigten die Einahme zunächst von Medikamenten, was wiederum die Schwelle, im Laufe der Karriere auch zu verbotenen Mitteln zu greifen, herabsetze.
Viel genauer hinschauen müssten da alle Beteiligten. Und in der öffentlichen Diskussion hofft Hecker „von der Individualisierung weg zu kommen hin zum Strukturversagen.“ Denn immer würden bei entdecktem Doping nur die einzelnen Sportler bestraft und mit dem Finger auf sie gezeigt. Ohne die Strukturen und Helfer im Hintergrund zu hinterfragen, die dieses Doping erst möglich gemacht haben.
Kritisch ging Hecker dabei auch mit dem Staat selbst ins Gericht, „denn die Mittel für den Spitzensport vom Bundesinnenministerium - derzeit 140 Millionen Euro pro Jahr - sind mit der Zahl der Medaillen etwa bei Olympischen Spielen verknüpft. Bei Misserfolg werden die Sportarten mit einer Reduzierung der Gelder bestraft. Dass heißt, vom Gold hängt die Existenz manch kleinen Verbandes ab, also die Jobs der Mitarbeiter und Trainer. Unter diesen Bedingungen kann man sich gut vorstellen, dass jedes Mittel zur Planerfüllung in Betracht kommt.“ Ob ein Anti-Doping-Gesetz, also das Verbot, Dopingsubstanzen anzuwenden oder zu besitzen, helfen würde, da war Hecker eher skeptisch. „Ich bin zwar für ein grundsätzliches Besitzverbot. Warum? Weil die Staatswälte erst dann die geeigneten Maßnahmen wie Telefonüberwachung und Hausdurchsuchungen nutzen können. Bisher ist das kaum möglich. Erst mit diesen Instrumenten kann man dann über Doper an die immer dazugehörden Hintermänner, das Händlernetz herankommen.“
Aber man müsste ja auch die Argumente der Gegenseite ernst nehmen, denn bei uns gäbe es die Freiheit des Individuums, sich selber zu schädigen. Außerdem müssten solche Gesetze dann für alle gelten, also auch Musiker, Ärzte, Piloten, Studenten - nicht nur für die Sporttreibenden. „Ich bin ja nicht gegen Leistung“, so der ehemalige Baketballspieler und ausgebildete Diplomsportlehrer, „aber man muss dafür menschliche Bedingungen schaffen.“
Von Horst-Walter Schwager
Quelle: usinger-anzeiger.de
| Geschrieben von: hantelfreak am 10.07.2010 |